{"id":8795,"date":"2020-09-28T10:40:00","date_gmt":"2020-09-28T08:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cibx.de\/?p=8795"},"modified":"2020-09-28T10:40:00","modified_gmt":"2020-09-28T08:40:00","slug":"interview-mit-landesvertreterin-der-interessenvertretung-pflegender-angehoeriger-nicole-knudsen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/cibx.de\/en\/interview-mit-landesvertreterin-der-interessenvertretung-pflegender-angehoeriger-nicole-knudsen\/","title":{"rendered":"Interview mit der Landesvertreterin der Interessenvertretung pflegender Angeh\u00f6riger Nicole Knudsen"},"content":{"rendered":"<p>Frau Nicole Knudsen, die Landesvertreterin der Interessensvertretung pflegender Angeh\u00f6riger, hat selber fast sechs Jahre ihren an Parkinson und Alzheimer erkrankten Mann zu Hause gepflegt. Uns erz\u00e4hlt sie heute v\u00f6llig offen und direkt von Ihren Erfahrungen und davon, wie pflegende Angeh\u00f6rige in der Gesellschaft wahrgenommen werden sowie von ihrem Engagement, diese zu verbessern.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Frau Knudsen, wie lange sind Sie schon als Landesvertreterin der Interessensvertretung pflegender Angeh\u00f6riger t\u00e4tig?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Eigentlich erst seit Kurzem. Anfang Juli 2020 wurde ich vom Vorstand der Interessensvertretung pflegender Angeh\u00f6riger zur Landesvertreterin in Schleswig-Holstein berufen. Nun, nach der politischen Sommerpause, kann ich meine Arbeit als Landesvertreterin aufnehmen und die Aufmerksamkeit der Politik und der Gesellschaft auf die schwierige Situation pflegender Angeh\u00f6riger insbesondere in der Corona-Pandemie lenken.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was geh\u00f6rt zu Ihren Aufgaben als Landesvertreterin?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>In erster Linie m\u00f6chte ich die gesellschaftliche Relevanz der Angeh\u00f6rigen, die ja den gr\u00f6\u00dften Anteil an Pflege in Deutschland leisten, gegen\u00fcber der Landespolitik deutlich machen. Die ersten Pandemie-Wochen zeigten die Systemrelevanz von Pflegefachpersonen in Kliniken und Pflegeeinrichtungen, aber weder in der Politik noch in der breiten \u00d6ffentlichkeit wurde die Pflege von Angeh\u00f6rigen angemessen anerkannt und gew\u00fcrdigt, obwohl der Gro\u00dfteil der Pflegebed\u00fcrftigen zu Hause gepflegt wird. Dabei sind die h\u00e4uslich Pflegenden der gr\u00f6\u00dfte Pflegedienst Deutschlands.<\/p>\n\n\n\n<p>So zeigte die letzte offizielle Statistik aus dem Jahr 2017, dass fast 3,5 Millionen Menschen in Deutschland pflegebed\u00fcrftig sind und rund 2\/3 davon von Millionen Angeh\u00f6rigen zu Hause gepflegt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlich liegt die tats\u00e4chliche Anzahl noch h\u00f6her, da manche Pflegebed\u00fcrftige ihren Pflegebedarf nicht \u00f6ffentlich machen, sie von keinem System erfasst werden, keinen Pflegegrad beantragen und die Angeh\u00f6rigen Betreuung und Pflege \u201enebenher\u201c mitlaufen lassen. Doch das sind erst einmal nur Zahlen. Hinter jeder dieser Zahl verbergen sich viele Schicksale, auf die ich aufmerksam machen m\u00f6chte.<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.cibx.de\/WordPress_SecureMode_01\/wp-content\/uploads\/hospice-1750928_1920-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"427\"><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Glauben Sie, dass pflegende Angeh\u00f6rige in Deutschland genug unterst\u00fctzt werden? Wo sehen Sie einen Verbesserungsbedarf?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Der Gro\u00dfteil der pflegenden Angeh\u00f6rigen, davon wiederum der \u00fcberwiegende Teil Frauen, ist gezwungen, die eigene Berufst\u00e4tigkeit zu reduzieren oder gar ganz aufzugeben, weil es oftmals nicht m\u00f6glich ist, Pflege und Beruf miteinander zu vereinbaren. H\u00e4usliche Pflege zu leisten kostet enorm Kraft, Zeit und emotionale Ressourcen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Folge davon sind neben den physischen und psychischen Folgen dann sehr h\u00e4ufig prek\u00e4re Situationen und finanzielle Engp\u00e4sse aktuell und im Alter. Dies f\u00fchrt gleich zum n\u00e4chsten Problem, n\u00e4mlich zur Armut durch Pflege: Wer seine Angeh\u00f6rigen zu Hause auf eigene Kosten pflegt, riskiert in Altersarmut zu geraten. Doch das ist nur eines von mehreren Themenfeldern, denen sich der Verband widmet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Problem ist, dass die Entlastungsleistungen, die einem zustehen, ein Dschungel sind. Zum einen ist es schwer herauszufinden, welche Leistungen in Frage kommen und wie man sie in Anspruch nehmen kann. Zum anderen ist vielen nicht klar, was man wo beantragt und wie man welche Antr\u00e4ge ausf\u00fcllen muss. Durch die 24\/7 Pflege haben Angeh\u00f6rige auch keine Zeit, sich damit auseinander zu setzen. Sie haben ja auch keinen Urlaub, Wochenende oder Feierabend und die meisten haben auch keine Gro\u00dffamilie, die sie unterst\u00fctzt. Eine Forderung des Verbands ist es also auch, diesen Dschungel zu lichten und niederschwellig nutzbar zu gestalten.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Sie waren pers\u00f6nlich vom Thema betroffen und haben fast sechs Jahre lang Ihren Mann zu Hause gepflegt. Mit welchen Problemen und Herausforderungen haben Sie als Angeh\u00f6rige zu k\u00e4mpfen gehabt?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich war es damals ganz wichtig, das soziale Umfeld aufrechtzuerhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn der Partner dementiell erkrankt ist bedeutet das eine komplette Umstellung und Ver\u00e4nderung des bisherigen Lebens. Meinen Job musste ich aufgeben, konnte aber stundenweise im home office weiter arbeiten. Etwas anderes h\u00e4tte auch nicht funktioniert, da man 24\/7 mit Pflege und Betreuung besch\u00e4ftigt ist. Und trotzdem und gerade dann ist es wichtig, Freundschaften und nachbarschaftliche Kontakte aufrechtzuerhalten. Auch wenn jeder Tag ein einziges Improvisationstheater ist, darf man sich nicht von seinem sozialen Umfeld isolieren.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.cibx.de\/WordPress_SecureMode_01\/wp-content\/uploads\/old-63622_1920-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"480\"><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist sehr wichtig in der Zeit der Pflege ein stabiles Umfeld zu haben und Freunde, die die Situation und die Krankheit verstehen und einen unterst\u00fctzen. Das ist nicht immer einfach. Wir hatten Gl\u00fcck, dass wir einen offenen Bekanntenkreis haben. Auch sind wir noch bis vor der Pandemie in Konzerte gegangen und haben dadurch Inklusion gelebt und diese in den K\u00f6pfen der Menschen auch gefordert. Eine Inklusion, die weiter geht als eine Rollstuhlrampe im Eingangsbereich. Ich finde, dass auch ein im Rollstuhl sitzender, dementiell erkrankter Mensch mit herausforderndem Verhalten ein Recht darauf hat, in Konzerte gehen zu k\u00f6nnen. Mein Mann hat die Musik immer sehr geliebt. Er muss auch seine Haare schneiden lassen oder mal zum Zahnarzt gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um echte gesellschaftliche Teilhabe leben zu k\u00f6nnen, ben\u00f6tigen wir ein entsprechendes Umfeld. Beh\u00f6rden, Handel, Dienstleister, Handwerker etc. m\u00fcssen noch viel mehr geschult werden. Dabei baut man Ber\u00fchrungs\u00e4ngste am besten ab, wenn man selber offen mit den sich ergebenen Situationen umgeht. Und eine Spur heiterer Gelassenheit hilft auch. Dazu muss man selber sicherer werden. Die Krankheiten kennen und erkennen. Das Verst\u00e4ndnis kommt von Verstehen. Mir haben damals verschiedene Selbsthilfegruppen geholfen. Auch habe ich mehrere Schulungen zum Thema Kommunikation bei Demenz, diverse Pflegekurse und weitere Fortbildungen gemacht. Mit der Zeit bin ich zur Expertin meines Mannes geworden. Durch diese Erkenntnisse konnte ich verschiedene Situationen aus dem Alltag mit meinem demenzerkranken Mann besser verstehen und auch Nachbarn und Freunde besser in unseren Alltag integrieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lernte zum Beispiel, dass es bei der Kommunikation mit einem dementiell erkrankten Menschen nicht unbedingt auf die Inhalte dessen, was er sagt, ankommt. Wichtiger ist es, seine Motive und Bed\u00fcrfnisse zu erkennen und zu spiegeln. Das Wichtigste, was ein Pflegebed\u00fcrftiger braucht, sind Sicherheit, Geborgenheit, Liebe, Ruhe und Gelassenheit \u2013 und eine Spur Humor \u2013 das gilt eigentlich f\u00fcr alle Menschen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Corona-Pandemie hat erhebliche Auswirkungen auf unsere Gesellschaft und u.a. auf das gesamte Gesundheitswesen. Welche Folgen hat sie Ihrer Meinung nach f\u00fcr die Pflege?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Am schlimmsten war wohl die h\u00e4usliche Isolation. Uns fehlten die Konzert- und Theaterbesuche. Da ich meinen Mann pl\u00f6tzlich nirgendwo mehr mit hinnehmen konnte, weil er Gesichtsmasken bei sich und anderen nicht tolerierte, haben Freunde f\u00fcr uns eingekauft oder auf meinen Mann aufgepasst, wenn ich selber einen Termin hatte. Es ist bemerkenswert, wie stark der gesellschaftliche Zusammenhalt w\u00e4hrend der Corona-Krise war.<\/p>\n\n\n\n<p>Politisch sind pflegende Angeh\u00f6rige am Anfang der Corona-Krise komplett aus dem Blickfeld verschwunden. Professionelle Pflegekr\u00e4fte in den Kliniken haben ebenfalls gro\u00dfartige Arbeit geleistet und erhielten daf\u00fcr zu Recht einen Pflegebonus. Pflegenden Angeh\u00f6rigen h\u00e4tte ich da auch gern mehr Aufmerksamkeit gew\u00fcnscht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wissen Sie, was mich sehr zu Beginn der Pandemie ge\u00e4rgert hat? Alle sprachen von Social Distancing. Das ist fatal und von seiner Bedeutung her falsch. Man muss sich r\u00e4umlich distanzieren, nicht sozial. Sonst besteht die Gefahr sozialer Isolation, aus der man sp\u00e4ter nicht wieder rauskommt \u2013 und sei es nur in den K\u00f6pfen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Vielen Dank f\u00fcr Ihre Zeit und das Gespr\u00e4ch!<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Zur Person<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Nicole Knudsen, Jahrgang 1963, war Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin des Landesverbandes Windenergie in Schleswig-Holstein, bis sie 2016 in Pflegezeit ging um ihren an Parkinson und Alzheimer erkrankten Mann bis zu seinem Tod im August 2020 zu Hause zu pflegen. Sie arbeitet ehrenamtlich als Landesvertreterin Schleswig-Holstein f\u00fcr die Interessensvertretung pflegender Angeh\u00f6riger <a href=\"http:\/\/www.wir-pflegen.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.wir-pflegen.net<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frau Nicole Knudsen, die Landesvertreterin der Interessensvertretung pflegender Angeh\u00f6riger, hat selber fast sechs Jahre ihren an Parkinson und Alzheimer erkrankten Mann zu Hause gepflegt. Uns erz\u00e4hlt sie heute v\u00f6llig offen und direkt von Ihren Erfahrungen und davon, wie pflegende Angeh\u00f6rige in der Gesellschaft wahrgenommen werden sowie von ihrem Engagement, diese zu verbessern. Frau Knudsen, wie [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":8797,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"site-sidebar-layout":"default","site-content-layout":"","ast-site-content-layout":"default","site-content-style":"default","site-sidebar-style":"default","ast-global-header-display":"","ast-banner-title-visibility":"","ast-main-header-display":"","ast-hfb-above-header-display":"","ast-hfb-below-header-display":"","ast-hfb-mobile-header-display":"","site-post-title":"","ast-breadcrumbs-content":"","ast-featured-img":"","footer-sml-layout":"","ast-disable-related-posts":"","theme-transparent-header-meta":"","adv-header-id-meta":"","stick-header-meta":"","header-above-stick-meta":"","header-main-stick-meta":"","header-below-stick-meta":"","astra-migrate-meta-layouts":"default","ast-page-background-enabled":"default","ast-page-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-4)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"ast-content-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[108,122,375,383,370,32,281,471,242,472],"class_list":["post-8795","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-blog","tag-alzheimer","tag-angehoerige","tag-betreuung","tag-coronakrise","tag-coronavirus","tag-demenz","tag-interview","tag-landesvertreterin","tag-pflege","tag-pflegebeduerftige"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/cibx.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8795","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/cibx.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/cibx.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/cibx.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/cibx.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8795"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/cibx.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8795\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/cibx.de\/en\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/cibx.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8795"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/cibx.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8795"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/cibx.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8795"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}